Format: PDF in DIN A 5 – 62 Seiten Dirk van den Boom: Die Welt der Verbrecher – und wie man sie klautJemand hatte Tangi Manac'h einmal gesagt, aufgrund ihres Namens würden ihre Vorfahren wohl aus einem irdischen Landstrich mit Namen Breizh stammen, woraufhin sie nur mit den Schultern gezuckt hatte. Menschen wie sie, die in den äußeren Bezirken der gigantischen Raumstation Paradiso lebten und sich damit auch am Rande der Gesellschaft dieses riesigen, zusammengewürfelten kosmischen Tummelplatzes befanden, hatten meist wenig Gelegenheit, sich über ihre Abstammung oder ihre Vorfahren Gedanken zu machen. Der tägliche Überlebenskampf nahm ihre Kraft voll in Anspruch. Außerdem hatte sie nie von Breizh gehört, genauso wenig, wie sie sich wirklich für das alte Terra interessierte, das seit langer Zeit unwichtig geworden war in der Galaxis und nur noch an Geschichte interessierte Touristen anzog. Tangi hatte andere Sorgen; diese waren zumeist sehr dringlich und hingen damit zusammen, daß sie essen, trinken und sicher schlafen wollte. Ihre Mutter hatte sie nur kurz gekannt; sie war gestorben, als Tangi gerade neun Jahre geworden war. Sie erinnerte sich schwach an eine ausgemergelte Frau, die durch den Genuß von Agyalekraut zugrunde gegangen war. Wer ihr Vater war, hatte sie nie erfahren - nur, daß er ihr den Namen Tangi gegeben hatte, ein seltsames Geschenk, und vor allem eines, mit dem sie nichts anzufangen wußte. Namen auf einer Station wie Paradiso, die von Menschenabkömmlingen genauso bewohnt wurde wie von allen möglichen anderen galaktischen Völkern, waren wenig mehr als Schall und Rauch. Kaum waren die schwachen Neonröhren der äußeren Bezirke hochgeschaltet worden und somit der 'Morgen' an Bord der Station angebrochen, verließ Tangi Manac'h den kleinen Verhau, den sie mit zwei anderen Mitgliedern ihrer Gilde teilte. Bereits gestern Abend, nach einem anstrengenden und recht erfolgreichen Tag, war ein Bote von Klaas Wassemaar vorbeigekommen und hatte sie für den nächsten Morgen zum Gildenmeister bestellt. Tangi wußte, daß sie bei Klaas einen Stein im Brett hatte und sich auch verspäten konnte, bemühte sich aber nun, pünktlich zum Treffpunkt zu kommen. Obgleich sie als die Meisterdiebin der gesamten Gilde galt, war sie auf die organisatorischen Fähigkeiten des Gildenmeisters sowie den Schutz durch seine Wächter angewiesen, um den Nachstellungen anderer Gilden oder den Razzien der RoboPolizei zu entkommen. Sie erreichte die Gildenhalle über zerfledderte, stillgelegte Laufbänder und provisorisch reparierte Elektrolifte. So früh am Morgen war bereits viel los auf den Boulevards der äußeren Bezirke, und Tangi erkannte die ersten vorwitzigen Touristen, die auf der Suche nach einem Abenteuer waren, das zumeist mit dem Verlust ihrer CrediCard oder der Brieftasche endete. »Die lernen es nie...«, dachte sie bei sich und beobachtete, wie ein Gildenmitglied einem reichhaltig gekleideten Paar geschickt die Taschen leerte. Sie lächelte und bewunderte die gekonnte Arbeit, ehe sie sich umwandte und einen Laden betrat. Dies war nicht ihr Bezirk; wenn sie hier ihrem Gewerbe nachging, würde sie die Sanktionen der Gilde erleiden müssen. Tangi hatte ihren eigenen Bezirk erst vor einem Jahr erhalten, als der alte Makkar von der RoboPolizei auf frischer Tat ertappt und am Tatort erschossen worden war. Tangi machte sich nichts vor: Jedes Gildenmitglied endete früher oder später vor den Strahlern der RoboPolizei, denn wenn einen die Geschicklichkeit und Schnelligkeit verließ, war man ein leichtes Opfer der Ordnungskräfte. Andererseits war niemand bereit, ab einem gewissen Alter den »Ruhestand« in der Gildenhalle zu verleben - denn außer nutzlosen Tätigkeiten zur Säuberung der Halle war dies nicht mehr als ein Dahinvegetieren. Wer die Halle verließ, war sofort wieder ein leichtes Opfer, denn die Steckbriefe der Stationsführung verfielen nur beim Tode des Gesuchten. Kein Wunder, daß jeder bis zum Ende draußen blieb - und auch Tangi hatte nichts anderes vor. Doch mit ihren 21 Jahren war bis dahin noch ein weiter Weg. Das Innere des Ladens, in den sie gehuscht war, war von Trödel aller Art übersät. Hinter einer schludrig gezimmerten Theke stand ein alter Mann, den alle nur »den alten Laszlo« nannten. Niemand wußte, wer er war, aber er gab mit seinem Geschäft eine gute Tarnung für die dahinterliegende Gildenhalle ab. Vielleicht war er einer der ganz wenigen Gildenmitglieder im fortgeschrittenen Alter, die noch etwas Sinnvolles in ihrem Leben zu tun hatten. . Download: nach Zahlungseingang;
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